Mittwoch, 16.
August 2006

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Meter für Meter kommt ein Stück
Geschichte zum Vorschein: Karsten Wilhelm
und Mike Ender bringen auf dem Gottesacker
der Brüdergemeine täglich neue Grabsteine
ans Licht. Damit sie nicht wieder zuwachsen,
legen sie um jede Ruhestätte eine Umrandung
aus Kies. Foto: Rolf Ullmann |
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Eine Insel taucht wieder auf
Von Achim Bergmann
Aktion. Auf dem alten Gottesacker
der Nieskyer Brüdergemeine tut sich was. Bis Oktober
werden rund 2 000 Grabsteine aus der Versenkung geholt.
Auf dem alten Teil des Gottesackers
herrscht eine geheimnisvolle Stille. Kein Autolärm, kein
Mensch weit und breit. Nur das Laub der alten Linden raschelt
unter den Füßen. Verdeckt von Heidekraut und Gras
ragt eine Steinplatte hervor. Verschnörkelte Buchstaben
und moosbewachsene Zahlen verraten: Es muss ein Grabstein
aus dem 16. Jahrhundert sein.
Schicksale liegen verborgen
Der alte Gottesacker ist eine Insel
inmitten der Stadt, sagt Peter Vogt, Pfarrer der Brüdergemeine
Niesky. 1743 legten seine Vorgänger den Friedhof zwischen
der heutigen Görlitzer und der Ringstraße an, doch
im Laufe der Jahre verschluckte die Natur eine
Vielzahl der Grabplatten.
Welche Schicksale hier verborgen
liegen, das kann man nur erahnen, sagt Peter Vogt. Wer
war etwa Auguste von Forestier, gestorben im März 1849
in Niesky? Oder Juliane Sophie Cranz, geboren 1772 in St.
Petersburg? Ihre Grabsteine sind nur zwei von nahezu 2 000,
die derzeit auf der Insel wieder auftauchen. Nachdem
die Denkmalbehörde in Dresden auf Drängen der Gemeine
grünes Licht zur Sanierung gegeben hatte, gingen die
Ein-Euro-Jobber Mike Ender aus Niesky und Karsten Wilhelm
aus Riesa ans Werk: Seit Wochen graben sie nun schon Meter
für Meter die Steinplatten aus, stecken einen Rahmen
um die Stelle ab und füllen den Hohlraum mit Kies auf.
Der Friedhof als Spiegel
Es ist ein bisschen wie Schatzsuche,
sagt Karsten Wilhelm und richtet die Steinplatte aus. Sie
muss leicht angeschrägt liegen. Damit das Regenwasser
abläuft, sagt Mike Ender und zeigt auf die Grabsteine,
die in den vergangenen Wochen wieder zum Vorschein kamen.
Entlang der Linden fügt sich schon
wieder Grabreihe an Grabreihe. Die Steine sind sich zum Verwechseln
ähnlich, alle aus Sandstein oder Granit. Sie liegen eben
auf dem Boden. Kreuze oder Statuen gibt es nicht. Keine Lobreden
sind auf die Steine graviert. Nur der Name, die Lebensdaten,
gelegentlich ein Bibelspruch.
Damit soll verdeutlicht werden,
dass vor Gott alle gleich sind, erklärt Pfarrer
Vogt der Friedhof spiegele den Glauben seiner Religionsgemeinschaft
wider. Deswegen gebe es auch keine Familiengräber oder
Grüfte, so Vogt. Nebeneinander hätten die Mitglieder
der Brüdergemeine hier seit jeher ihre letzte Ruhestätte
gefunden, egal ob Adeliger oder Handwerker.
Ein Raster für die ganze Welt
Die Brüdergemeine vollzog allerdings
eine Trennung von Mann und Frau deswegen eine Brüder-
und Schwesternseite. Auch die Kindergräber liegen extra,
aus Platzgründen in der letzten Reihe der rechteckigen
Grabfelder.
Einer, der genauestens über diese
Grabfelder Bescheid weiß, ist Claudius
Wecke aus Horka. Wecke studiert Landschaftsarchitektur
an der TU Dresden, hat eine Projektarbeit über den Friedhof
verfasst und mit Pfarrer Vogt die Sanierung der Grabfelder
vorangetrieben. Vorbilder gab es dabei genug. Die Brüdergemeinen
hatten bei der Anlage ihrer Friedhöfe auf der ganzen
Welt das gleiche Raster, erklärt Wecke. Egal ob
in der Lausitz, in Afrika oder Amerika.
Doch in Niesky sei die Stätte zu
sehr in Vergessenheit geraten, die meisten Bürger wüssten
gar nicht, welch historische Anlage sich inmitten der Stadt
befinde, so Wecke.
Gründervater im Heidekraut
Sein Wunsch für die Zukunft des Friedhofs
ist deshalb klar: Mit der Sanierung soll der Gottesacker
wieder ins Bewusstsein der Menschen rücken. Pfarrer
Vogt denkt indes an die praktische Seite: Wenn alle
Steine hervorgeholt sind, werden wir sie fotografieren, digitalisieren
und ein Archiv anlegen.
Bis dahin gilt es aber, vor allem die
Grabplatten auf dem ältesten Teil des Friedhofs zu bergen.
Hier liegen die meisten Steine noch unter der Erde. Eine Grabplatte
ist zwischen Birken und Heidekraut jedoch besonders gut zu
erkennen. Unter ihr liegt der Gründervater Nieskys: Johann
Raschke, heimgegangen den 4. 8. 1762.