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Artikel der Sächsischen Zeitung  

 

Dienstag, 23. Abril 2011

Sonnenaufgang auf dem Gottesacker

Eine österliche Tradition, die in der
Brüdergemeine gepflegt wird, ist der
"Ostermorgen". Ein Zug der früh morgens, wenn die Sonne aufgeht, von der Kirche auf den Gottesacker führt. Dort feiert die versammelte Gemeinde die Auferstehung Jesu von den Toten und gedenkt den Verstorbenen des vergangenen Jahres. Ein fester Bestandteil dieser Tradition sind die Bläser, die den Zug anführen und dabei
Osterchoräle spielen. in diesem Jahr feiert der Bläserchor Niesky ein Jubiläum:
Es ist genau 265 Jahre her, seitdem der Ostermorgen das erste Mal mit Trompeten und Waldhörnern begangen wurde. So ist es in den Unterlagen für das Jahr 1746 bezeugt, die im Archiv der Gemeine aufbewahrt werden. "Es ist bewegend, sich vorzustellen, dass Bläser schon seit mehr als 250 Jahren
zu Gottes Ehren diesen Dienst tun", findet der Pfarrer Peter Vogt, und weiter: "Der Weg so früh am Morgen durch die verschlafene Stadt ist schon ein besonderes Erlebnis, vor allem, wenn dann auf dem Gottesacker inmitten der Natur die Osterbotschaft erklingt". Wer das miterleben möchte, ist herzlich eingeladen. Beginn 6 Uhr am Ostersonntag im Kirchsaal der Brüdergemeine am Zinzendorfplatz.


Bläserchor hat eine lange Tradition


Von Peter Vogt, Pfarrer der Brüdergemeine Niesky


An dieser Stelle ist im Diarium (eine Art Tagebuch) der Brüdergemeine Niesky der erste Eintrag über den Bläserchor vermerkt
Foto: Rolf Ullmann

 

 

Die genauen Anfänge des Bläserchors Niesky liegen im Dunkeln. Offenbar wurden schon 1744 die ersten Instrumente – Waldhörner und Trompeten – angeschafft, um die Gemeinde zu ihren täglichen Versammlungen zusammenzurufen. Im Jahr 1746 ist das Blasen zum Ostermorgen zum ersten Mal im Gemeinediarium dokumentiert: „Wir erwachten Ostern mit Freude, wo früh die Gemeinde mit Trompeten und Waldhörnern geweckt wurde.“ Im Kassenbuch der Gemeine, das von Johann Raschke geführt wurde, ist für das Jahr 1747 eine Ausgabe für die Anschaffung zweier Trompeten vermerkt.

Als 1750 die regelmäßige Feier des Heiligen Abendmahls in Niesky eingeführt wurde, lud ein Choral der Bläser die Gemeine zur Abendmahlsversammlung ein. Um 1751 wurden die vorhandenen Instrumente um einen Satz Posaunen und einige neue Trompeten erweitert. Von diesen ersten Jahren an standen die Bläser in Niesky wie in jeder anderen Brüdergemeine ganz im Dienst des geistlichen Lebens: Sie weckten die Gemeinde zu den Festtagen, begleiteten ihren Choralgesang und führten bei Begräbnissen und am Ostermorgen den Zug zum Gottesacker an.

Auch bei besonderen Ereignissen im Gemeindeleben waren die Bläser gefragt: bei Jubiläen und zur Begrüßung von Gästen, aber auch bei der Grundsteinlegung und Einweihung von Gebäuden. So wirkten die Bläser bei den Feierlichkeiten rund um den Bau des neuen Kirchensaals 1874/75 mit, was nicht nur in verschiedenen Berichten, sondern auch in einem Foto von der Grundsteinlegung dokumentiert ist.

Bei der Einweihungsfeier erhielten die Nieskyer Bläser sogar Verstärkung aus den umliegenden Gemeinden: „Früh um 7Uhr wurde abwechselnd mit den beiden neuen Glocken geläutet und von den vereinigten Bläserchören geblasen.“ Als 1920 neue Kirchenglocken angeschafft wurden, begleiteten nicht nur die Kinder der Ortsschule, sondern auch die Bläser den Transport zur Kirche.

Der Zweite Weltkrieg, der viele Häuser um den Zinzendorfplatz in Schutt und Asche legte, verursachte auch eine vorübergehende Pause für die Bläser. Darüber heißt es im Jahresbericht von 1945: „Entbehren müssen wir noch unseren Bläserchor. Es fehlt wohl nicht an Bläsern, aber es sind alle Instrumente verlorengegangen. Herbert Kramer gibt sich Mühe, neue zu beschaffen.“ Genauere Angaben finden sich im Lebenslauf von Carl Gottfried Vollprecht, der die Bläserarbeit in der Nachkriegszeit wieder aufbaute: „Im folgenden Jahr beschloss der Ältestenrat, den Bläserchor wieder erstehen zu lassen. Ich wurde beauftragt, die Instrumente in Markneukirchen zu kaufen. Durch die Mithilfe einiger Geschwister war es möglich, dort Gegenleistungen zu machen. Nach zwei Monaten konnte zur Einweihung des wiederhergestellten großen Saales der Chor das erste Mal blasen. Es hatten sich einige alte Bläserbrüder zur Verfügung gestellt und einige Junge waren angelernt worden. Herbert Kramer, der die Leitung des Chores hatte, trat aber schon nach einigen Monaten zurück. Ich hatte nun mit einigen kürzeren Unterbrechungen die Verantwortung für unseren Bläserchor und freue mich dieses Auftrages und der Bereitwilligkeit der teils noch recht jungen Bläser.“

In den 1960er Jahren ging die Leitung des Bläserchors an die junge Kantorin Monika Schordan über. 1975 übernahm Armgard Brusch die Bläserabeit. Die politischen Umstände in der DDR-Zeit und der kleiner gewordene Chor schränkten die Bewegungsfreiheit des Bläserchors ein, sodass beispielsweise das öffentliche Aufblasen an Festtagen in der Stadt nicht weiter fortgeführt werden konnte.

Nach der Wende wurde jedoch die Feier der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 mit dem morgentlichen Wecken der Einwohner durch den Bläserchor eingeleitet. Im Jahr 1991 richtete Niesky den 24. Bläsertag der Brüdergemeine aus, der über 250 Bläser aus Ost und West zusammenbrachte. Als Armgard Brusch nach über 30-jähriger Tätigkeit die Leitung des Bläserchors abgab, fand sich in dem Studenten Adrian de Haas ein engagierter Spieler, der bereit war, den Chor vorübergehend zu leiten. Seit 2006 liegt die Leitung unseres Bläserchors in den Händen von Christiane Biedermann.

Ein großes Ereignis für den Nieskyer Bläserchor ist über Pfingsten der Bläsertag, ein internationales Bläserfestival, zu dem 250 Gäste aus fünf Ländern erwartet werden. Geplant ist ein großes Freiluftkonzert auf dem Zinzendorfplatz am Pfingstsonntag, um 16 Uhr.

www.blaesertag2011.de