Mittwoch, 07. April 2007
Ein Möbelkünstler
von Weltruf
Von Martin Stolzenau
Der erfolgreiche Fabrikant David
Roentgen (1743 bis 1807) wurde im Internat Der Brüdergemeine
Niesky erzogen.
Was verbindet eine Siedlung in der hessischen
Wetterau mit der Stadt Niesky? Die Brüdergemeine und
der Möbel-Künstler David Roentgen. Als Erfinder
möbeltechnischer und -künstlerischer Neuheiten verknüpfte
der Unternehmer die Ethik des Herrnhutertums mit der
Rationalität kapitalistischer Wirtschaftsweise.
Mit der vom Vater übernommenen Möbel-Manufaktur
stieg er durch rationellere Arbeitsmethoden, neue Möbeltypen,
revolutionäre Furniertechniken auf zum marktbeherrschenden
Möbelfabrikanten in Mittel-, West und Osteuropa und belieferte
Fürstenhöfe zwischen Paris und St. Petersburg.
Mitglied der Brüdergemeine
David Roentgen wurde am 11. August 1743
als Sohn eines Kunstschreiners und Mitgliedes der Herrnhuter
Brüdergemeine in Herrnhaag bei Bad Nauheim geboren. Die
Siedlung wurde im Jahre 1738 durch den Reichsgrafen von Zinzendorf
gegründet, der hier mit seiner Herrnhuter Brüdergemeine
Zuflucht fand nach der Verbannung aus Sachsen 1736. Entsprechend
der Gepflogenheiten der Gemeine in der Kindererziehung kam
David früh in das Knabeninternat nach Niesky. Hier wurde
ihm eine Bildung zuteil, die für sein weiteres Leben
maßgebliche Grundlagen schuf.
Danach begann David Roentgen im väterlichen
Betrieb in Neuwied eine Schreinerlehre. Hier siedelte sich
die Familie 1750 an. Sein Vater war wohl der beste Lehrer,
den er damals in Deutschland bekommen konnte, ein kreativer
Handwerker, der den Firmennamen zum Markenzeichen erhob. Der
Junior lernte fleißig, offenbarte seine eigene Begabung
und übernahm Anregungen aus dem französischen Kulturkreis.
Angesichts der Schwierigkeiten, die die Herrnhuter Gemeinschaft
dem Betrieb bereitete, und der Absatzprobleme nach dem Siebenjährigen
Krieg resignierte der Vater. Er überließ dem Sohn
zunehmend die Geschäfte.
David seinerseits beantragte in Hamburg
für 1769 die Durchführung einer Lotterie, deren
Erlös den Familienbetrieb entschuldete, Neuinvestitionen
ermöglichte und der Möbel-Firma zusätzliche
Bekanntheit eintrug. Doch diese Geschäftigkeit widersprach
den Gemeine-Regeln. Das brachte David den Ausschluss ein.
Aber der Betrieb florierte. Der junge Roentgen, der die Manufaktur
ab 1772 auch offiziell vom Vater übernahm, nutzte pionierhaft
den Übergang zum Klassizismus, schuf nach Entwürfen
von Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff für den Fürsten
Franz von Anhalt-Dessau und dessen neues Schloss in Wörlitz
ein komplettes Möbel-Programm, das bei den Besuchern
bis heute Bewunderung auslöst.
Ruf reichte bis nach Russland
Nun ging es Schlag auf Schlag. Roentgen
heiratete, ließ ein neues Wohn- und Arbeitshaus bauen,
erweiterte den Kundenstamm des Vaters erheblich und gewann
neben deutschen sowie europäischen Fürstenhöfen
auch die französische Königin Marie Antoinette als
Vorzeigekundin. Dazu fuhr er mit Wagenladungen seiner Möbel
nach Paris, wo er sich gegen harte Konkurrenz bestens durchsetzte,
aus Werbegründen den Pariser Meisterbrief erwarb und
ein ständiges Verkaufsmagazin einrichtete,
das bis zur Französischen Revolution für Riesengewinne
sorgte. Sein Pariser Erfolg war für Europas Fürsten,
die alles Französische begehrten, Werbung genug. Roentgens
Möbel hatten Hochkonjunktur.
Er beschäftigte über 40 Mitarbeiter,
arbeitete unter anderem mit dem Graveur Elie Gervais, der
vor allem Entwürfe für Blumen-Marketerien lieferte,
mit dem Koblenzer Hofmaler Januarius Zick und dem Uhrmacher
Peter Kinzing zusammen, der technische Konstruktionen beisteuerte,
und ging zur Serienbauweise über. Dabei entstanden unter
anderem Zylinderschreibtische, Musikautomaten und technisch
sowie künstlerisch ausgeklügelte Standuhren. Allein
siebenmal weilte der Möbel-Künstler mit Wagenladungen
bei Kaiserin Katharina II. in Russland.
Nach 1789 kam es im Gefolge der Revolutionskriege
zu einem Umsatzeinbruch. Roentgen musste mehrfach von Neuwied
in andere Herrnhuter Gemeine fliehen, lebte vom Verkauf geretteter
Restmöbel und ab 1801 wieder in der heimischen Gemeine,
die ihn neuerlich aufnahm. Am 12. Februar 1807 starb der Möbel-Künstler
auf einer Arbeitsreise an den Hof des Herzogs von Berg in
Wiesbaden.
Kunstwerke im Pariser Louvre
Einige seiner Schüler errichteten
eigene Werkstätten in der Tradition Roentgens. Dazu gehörten
Reusch in Neuwied, Kronrath in Weimar, Knesing in Leipzig,
Griese in Brandenburg, Hacker in Berlin, Härder in Braunschweig,
Gambs in Petersburg, Pengel in Kopenhagen und Frost in Paris,
die noch Jahrzehnte vom Ruf ihres Lehrmeisters profitierten.
Roentgens Kunstwerke sind heute unter anderem zu sehen im
Pariser Louvre, in der Petersburger Eremitage, im Kasseler
Schloss Wilhelmshöhe, im Londoner Victoria & Albert-Museum
sowie im Wörlitzer und Weimarer Schloss.